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Zielvorgabe der Politik: Obdachlosigkeit bis 2030 überwinden Modellprojekt „Housing first“ kann schon jetzt beachtliche Erfolge vorweisen!

SEN WohnungDer Vorstand der Senioren Union Westerwald suchte das Gespräch mit der Regionalen Diakonie Westerwald Rhein-Lahn in Westerburg und sieht mit Blick auf den demografischen Wandel beim Themenfeld „Wohnen“ Handlungsbedarf, um die politische Zielvorgabe zu erreichen, Obdachlosigkeit bis 2030 zu überwinden.

Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit werden in Deutschland vor allem in Großstädten sichtbar. Nicht selten werden Menschen erst durch persönliche Schicksalsschläge, steigende Mieten oder plötzliche Arbeitslosigkeit von Wohnungslosigkeit betroffen.

Laut einer Schätzung gab es Anfang 2024 insgesamt rund 532.000 Wohnungslose in Deutschland. Senioren sind im Vergleich zu jüngeren Gruppen statistisch seltener obdachlos. Nach Veröffentlichung von Statista Ende 2025 sind 4,9 % Wohnungslose ohne Unterkunft 65 Jahre und älter. Erheblich höher ist der Anteil der Altersgruppe, die sich in der Vorphase zum Rentenalter befindet. Etwa 25,5 % der Menschen ohne Unterkunft sind zwischen 50 und 64 Jahre alt.

Der Themenbereich Wohnen ist als eigenes Handlungsfeld in der Seniorenpolitischen Konzeption des Westerwaldkreises ausgewiesen. Den besonderen Stellenwert des Wohnens für Senioren stellt die Konzeption deutlich heraus. Wohnen zu Hause sei auch im Kontext mit Wohlfühlen und Emotionen zu werten. Der überwiegende Teil der älter werdenden Bevölkerung wolle im gewohnten Umfeld bleiben.

Der Vorstand der Senioren-Union Westerwald sieht zunehmenden Handlungsbedarf, da der Mangel an bezahlbarem und bedarfsgerechtem Wohnraum nicht nur ältere Menschen in Nöten bringt und bringen wird und in eine Obdachlosigkeit führen kann. Er hatte daher durch Vermittlung der stellvertretenden Vorsitzenden Paula Maria Maaß das Gespräch mit der Regionalen Diakonie Westerwald Rhein-Lahn in Westerburg gesucht, um sich sowohl über die Wohnungs- und Obdachlosigkeit im Westerwald als auch über das Modellprojekt „Housing first“ des Landes Rheinland-Pfalz im Westerwald zu informieren.

Zum Informationsgespräch empfing Nadine Kröller die Vorstandsmitglieder. Sie ist Sozialpädagogin der Regionalen Diakonie Westerwald und begleitet nun seit fast drei Jahren obdachlose Menschen aus den Verbandsgemeinden Westerburg, Bad Marienberg und Rennerod, die in das Projekt „Housing first“ aufgenommen wurden. Nadine Kröller stellte sich engagiert den zahlreichen Fragen zunächst zur Wohnungs- und Obdachlosigkeit im Westerwaldkreis und trug durch ihre Informationen zum besseren Verständnis des Themenbereichs Obdachlosigkeit und insbesondere des Projekts „Housing first“ bei.

Im Westerwaldkreis sind die Verbandsgemeinden gesetzlich verpflichtet, unfreiwillig obdachlose Personen unterzubringen. Ihrer Verpflichtung kommen sie nach, indem sie Not- oder Gemeinschaftsunterkünften zur Verfügung stellen. Notunterkünfte sind für viele Betroffene nur eine Notlösung mit Schattenseiten. Anstatt zur Ruhe zu kommen, erleben viele dort in Mehrbettzimmern massiven Stress und eine starke Einschränkung der Privatsphäre. Besonders für ältere Menschen ist das Umfeld hier belastend. Ein Sprungbrett zurück in die Gesellschaft können diese Einrichtungen nur eingeschränkt bieten. Sie verstärken oft das Gefühl der Ausgrenzung und Scham. Dies führt dazu, dass manche die Straße dem Stress der Unterkunft vorzieht.
Wohnungslosigkeit im ländlichen Raum wie dem Westerwald unterscheidet sich deutlich von der Situation in Großstädten. Man spricht hier oft von „verdeckter Wohnungslosigkeit“. Betroffene kommen oft monatelang bei Bekannten unter („Sofa-Hopping“), anstatt professionelle Hilfe zu suchen, um den sozialen Abstieg zu verbergen. Die Scham, die Wohnung zu verlieren, ist auf dem Land oft größer als in der Stadt.

Obwohl Senioren im Vergleich zu jüngeren Gruppen statistisch seltener obdachlos sind, ist ihre Lage oft besonders prekär: Ursachen für eine Obdachlosigkeit bei älteren Menschen über 65 Jahre sind Altersarmut, wenn die Rente oft nicht ausreicht, um die steigenden Lebenshaltungskosten zu decken, Verlust der Wohnung durch Mietschulden oder Eigenbedarfskündigungen, Trennung/Tod des Partners sowie Vereinsamung und gesundheitliche Probleme.

Wer in Deutschland seine Wohnung verliert, landet meist in einem System der „gestuften Hilfe“. Der Weg zurück führt über Notunterkünfte, Wohnheime und Therapieangebote. Erst wer beweist, dass er „wohnfähig“ ist – also abstinent lebt oder seine Finanzen im Griff hat –, bekommt Aussicht auf einen echten Mietvertrag. Doch für viele, insbesondere ältere Menschen oder Langzeitobdachlose, ist diese Hürde zu hoch.

Mit dem Modellprojekt „Housing First“ hat Rheinland-Pfalz, so Nadine Kröller, einen neuen Weg bei Bekämpfung von Wohnungslosigkeit. Im Rahmen des Programms erhalten wohnungslose Menschen die Chance auf ein geregeltes Leben in einer dauerhaften Wohnung, ohne Vorbedingungen oder langwierige Prüfverfahren. Das Wohnen steht am Anfang, nicht am Ende des Prozesses. Auch die am Anfang leere eigene Wohnung gibt, so berichtet Nadine Kröller von ihren Erlebnissen, den Menschen Sicherheit und Würde zurück. Da Menschen ohne festen Wohnsitz in Deutschland grundsätzlich Anspruch auf Bürgergeld oder Grundsicherung haben, seien die Voraussetzung zu einer dauerhaften Lebensgestaltung in eigenen vier Wänden günstig, so Nadine Kröller.

In Rheinland-Pfalz startete das Modellprojekt „Housing First“ im Jahre 2023 und wird mittlerweile an fünf Standorten umgesetzt, und zwar in Speyer, Koblenz und im Westerwaldkreis sowie in Zweibrücken und Neuwied. Im Westerwaldkreis ging die Initiative von der Verbandsgemeinde Westerburg aus. Sechs Verbandsgemeinden (Westerburg, Montabaur, Bad Marienberg, Höhr-Grenzhausen, Rennerod, Wallmerod), starteten das Projekt in Kooperation mit der Regionalen Diakonie Westerwald Rheinland-Pfalz und dem Caritasverband Westerwald-Rhein-Lahn. Nach Einschätzung von Nadine Kröller werden sich ab Sommer 2026 auch die anderen vier Verbandsgemeinden dem Projekt, das bis Dezember 2027 laufen wird, anschließen.

Die Schwerpunkte der „Housing First“-Projekte liegen in der Beratung und Begleitung der Wohnungslosen bei der Wohnraumakquise und in Unterstützungsangeboten nach dem Einzug in die Wohnung, um die Stabilisierung der Lebensverhältnisse zu unterstützen. Die Sach- und Personalkosten werden im Westerwald für drei Jahre jährlich mit insgesamt bis zu 340.000 Euro durch das rheinland-pfälzische Sozialministerium gefördert.

Das Projekt kann auf eine beachtliche Erfolgsquote verweisen. Die finnische Regierung beschloss 2008, fast alle traditionellen Notunterkünfte abzuschaffen und in eigenständige Wohnungen umzuwandeln. Der Erfolg bestätigt den radikalen Schritt. Finnland ist das einzige EU-Land, in dem die Obdachlosigkeit seit Jahren konsequent sinkt. Auch deutsche Modellprojekte können auf vergleichbare Erfolge verweisen. So ist ebenfalls die Erfolgsquote im Westerwald nach Nadine Kröller sehr hoch.

Trotz der Erfolge bleibt die Umsetzung nach Einschätzung der Vorstandsmitglieder in Deutschland schwierig. Das größte Problem ist der Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Bund, Länder, Kommunen und alle weiteren Beteiligten haben 2024 ihren Willen öffentlich gemacht, gemeinsam daran zu arbeiten, dass jede wohnungslose und von Wohnungslosigkeit bedrohte Person bis 2030 ein passendes Wohnungsangebot erhält. Eine wesentliche Voraussetzung bei der Bekämpfung von Wohnungslosigkeit sei allerdings ein ausreichendes Angebot an bezahlbarem und bedarfsgerecht ausgestattetem Wohnraum. Länder und Kommunen seien von der Bundesregierung 2024 aufgefordert worden, die Umsetzung des Nationalen Aktionsplans gegen Wohnungslosigkeit zu prüfen, ob die Bestimmungen ihrer Wohnraumförderung die Zielgruppe der wohnungslosen Menschen ausreichend berücksichtige.

Eine Wohnraumförderung alleine reicht nicht aus. Mit dem Projekt „Housing First“ kann gelingen, was sich Bund, Länder, Kommunen 2024 als Ziel gesetzt haben, Obdachlosigkeit bis 2030 zu überwinden, damit Wohnen wieder als Menschenrecht und nicht als Privileg begriffen wird. Nur durch eine mutige Kombination aus politischem Willen, bezahlbarem Wohnraum und bedingungsloser Hilfe kann nach Überzeugung des Vorstandes der Senioren-Union verhindert werden, dass Menschen auch nach einem langen Arbeitsleben auf der Straße landen. Eine dauerhafte Finanzierung der begleitenden Sozialarbeit muss zusätzlich sichergestellt werden.